Background Image
Previous Page  12-13 / 68 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 12-13 / 68 Next Page
Page Background

Das Viadukt schlägt den Bogen

9

Die Betrachtung beginnt mit einem Gegensatz der Geschwindig-

keiten: Oben schnell, unten langsam. Oben die Gleise der

S-Bahn, viel Betriebsamkeit und Bewegung, vielleicht Eile. Un-

ten die bewusste Langsamkeit, die Flanier- und Einkaufsmeile

mit Fussgängern, Radfahrern, ohne motorisierten Verkehr. Zu-

sammengeführt in ein- und demselben Bauwerk: Dem Gleisvia-

dukt im Zürcher Kreis 5, welches das Zürcher Büro EM2N mit

einer weitsichtigen städtebaulichen Heransgehensweise orts-

spezifisch umgenutzt hat.

D

er Gegensatz ist Programm, denn von Anfang an ging es den

Architekten darum, das denkmalgeschützte, 1894 eröffnete

und bisher als Barriere wirkende Infrastrukturelement mit dem

Quartier zu vereinen. Die Barriere sollte bestehen bleiben, aber

durchgängig gemacht werden: «Diese Ambivalenz sahen wir als

grundlegende Qualität und nahmen sie zum architektonischen

Leitmotiv, um die neuen Nutzungen symbiotisch mit der

Viadukt-Struktur zu verbinden», erklären die Architekten, die

2004 den Projektwettbewerb gewonnen hatten. Das von der

SBB und der Stiftung PWG (Stadt Zürich) in Auftrag gegebene

Projekt bot die Chance, aus dem Trennenden etwas Verbinden-

des zu schaffen. In der heutigen Diskussion um Platzmangel,

Verdichtung und Umnutzung stellt das Viadukt-Konzept von

EM2N einen wertvollen Lösungsansatz dar. Aus einem Verkehrs-

bau wird eine Art linearer Park für Kultur, Arbeit und Freizeit, der

keine zusätzliche Fläche benötigt, seine ursprüngliche Funktion

aber auch nicht verliert. Zusätzlich wertet er die angrenzenden

Aussenräume auf und bringt Menschen dort zusammen, wo sie

sich vorher eigentlich nur auseinander bewegten.

Die Stadtbauer

Im Buch «EM2N–Both and» (2009) charakterisiert Pier Vittorio

Aureli die Architekten folgendermassen: «Ein wesentlicher As-

pekt in der Arbeit von EM2N ist die Ausrichtung dieser architek-

tonischen Praxis auf die Stadt. […] Die Gebäude von EM2N ma-

nifestieren sich durchwegs als urban.» Die angesprochene

Gegensätzlichkeit wird auch bei der Materialisierung konsequent

genutzt. Hier die markanten Natursteinquader und Rundbögen,

Zeugen ihrer Zeit, von schwerfälliger Eleganz, die auch innen

sichtbar bleiben. Dort die zurückhaltenden neuen Strukturen,

welche die Bespielung dieses «langen Hauses» auf ganz unter-

schiedliche Weise ermöglichen. Für den Innenausbau konnten

und können die Nutzer aus einem Baukasten von Elementen

wählen oder ihn selbst gestalten. Das trifft zumindest auf die

Räume zwischen den einzelnen Rundbögen zu, in denen über

50 Detaillisten ihre Waren feilbieten. Dort, wo sich die beiden

Viadukte, das höhere Wipkinger- und das niedrigere stillgelegte

Lettenviadukt teilen, ist durch eine eigenwillige Überdachung ein

ganz neuer Raum zwischen den beiden Brückenteilen entstan-

den: Zürichs erste Markthalle, die vorwiegend von regionalen

Gemüse- und Fruchtproduzenten für den Direktverkauf genutzt

wird, aber auch andere Lebensmittelläden und ein Restaurant

beherbergt. Sie ist der Kopf der rund 500 m langen Einbauten

und wird geprägt von einer aussergewöhnlichen Deckengeomet-

rie. Bis zu 20 Meter lange, abgewinkelte Querbahnen unterteilen

die Decke und schaffen ein Bild von Positiv- und Negeativfor-

men. Konstruiert sind diese aus einer mit Gipsbauplatten verklei-

deten Holzverschalung. Die bewusst gezeigten Fugen dienen

dabei als integrierte Lüftungsschlitze.

Mit zahlreichen runden Oberlichtern kombiniert, entsteht so ein

faszinierendes Deckenbild, das gleichzeitig viel Tageslicht in die

Halle bringt.

IM VIADUKT erhielt im Rahmen der Auszeichnung «Umsicht

2011» des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins

SIA eine Anerkennung. Das Projekt beeindrucke «durch seine

gestalterische Qualität» und gebe «Impulse für den laufenden

gesellschaftlichen Umbruch im Quartier» heisst es in der Lauda-

tio. Und weiter: «Die umgesetzte multifunktionale Adaption des

Viadukts als ein Stadtteile verbindendes Element ist ein zu-

kunftsorientierter, wertvoller Beitrag zur Stadtentwicklung.»

Überdies erhiehlt IM VIADUKT eine Auszeichnung für gute Bau-

ten der Stadt Zürich (2006 – 2010) und ausserdem den erstmals

verliehenen Publikumspreis. Der Fuss- und Radweg des Letten-

viadukts 2011 wurde mit dem goldenen Hase in der Kategorie

«Landschaft» ausgezeichnet.

Der Bau bringt Menschen

dort zusammen, wo sie sich

vorher eigentlich nur

auseinander bewegten.

Auftraggeber

Stiftung PWG

Architektur

EM2N Mathias Müller, Daniel Niggli

Architekten AG, ETH, SIA, BSA, Zürich

Systemlieferant

Rigips AG, Mägenwil

Trockenbau

Estermann AG, Zofingen

Grösse

9000 m

2

Kosten

CHF 35.3 Mio. BKP 1–9, inkl. MwSt.

Termine

Wettbewerb 2004,

Planung 2005–2009,

Baubeginn 2008, Fertigstellung 2010

Autor

Andreas Stettler

Quellen

EM2N, Zürich

Das Büro EM2N von Mathias Müller (*1966) und Daniel Niggli (*1970) beschäftigt 60 Mitarbeitende mit Bau- und Wettbewerbsprojekten im In- und Ausland. Nebst

diversen Auszeichnungen, unter anderem ‘bestarchitects’, ‘Umsicht-Regards-Sguardi’, der ‘Auszeichnung Guter Bauten’ der Stadt Zürich, der Kantone Basel-Stadt

und Basel-Landschaft, erhielten sie den ‘Swiss Art Awards’ in Architektur. Mathias Müller und Daniel Niggli waren Gastprofessoren an der EPF Lausanne und an der

ETH Zürich. Daniel Niggli ist Mitglied der Baukollegien in Zürich und Berlin. «Als postidealistische Kinder der 68er-Generation kennen wir die eine grosse Wahrheit

nicht mehr. Vielmehr finden wir in den Frakturen der Realität jene Gründe, in denen wir Architektur verankern.»

Rigips AG, Mägenwil

Stiftung PWG, Zürich

Antje Quiram, aqui architekturfotografie, Stuttgart

Roger Frei, Architekturfotografie, Zürich

Ralph Hut, Fotografie, Zürich

tec

architecture

I art I technology I eco

ar

t

ec

architecture I

art

I technology I eco

ar